Ideenvielfaltsberuhigungsgesetz
Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz war im Jahr 2009 NUR auf Platz 9 beim Ranking für das Wort des Jahres. Das lag daran, dass es zu neu war. Nur daran! Genau dieses Gesetz wurde erst am Tag der Bekanntgabe des Wortes „Abwrackprämie“ als Wort des Jahres 2009 zur Abstimmung gestellt. Das „W...Gesetz“ hat aber – Redaktions-schluss unseres Heftes: 31.11.2010 – bis zum 12. Januar 2010 noch gute Chancen im Rennen um das Unwort des Jahres.
Jeder wird’s für seinen Bereich so sagen können: Wachstum ist nichts, was da irgendwie noch beschleunigt werden könnte und sollte. Selbst der abgenudelte Witz vom Viagragesetz ist nur die zynische Begleitvariante eines Trauerspiels sondergleichen: Was soll denn um Himmels willen beschleunigt wachsen können und gleichzeitig den Überlebenskriterien des 21. Jahrhunderts wie Nachhaltigkeitsfaktorenindex und Ressourcenneu-tralitätsgebot genügen sowie einer Stabilisierung der Werte Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Toleranz, Respekt vor der Natur und geteilte Verantwortlich-keit dienen?
Das einzige, was hier beschleunigt wächst, ist der Berg der Pseudoaktivität, der Pseudoentlastungen und der Pseudonetze für ein angeschlagenes Gemeinwesen. „Viel hilft viel“, sagte der Apotheker und häufelte eine tödliche Dosis von nebenwirkenden, gegenwirkenden, überwirkenden Stoffen auf das Tischlein.
Gut, lassen wir Andere sich auslassen über Sinn und Unsinn des Schulden-machens um Gewinn zu machen . Wir sind an anderer Stelle überreif für ein herzerfrischendes „Nein, danke, lasst uns jetzt mal in Ruhe arbeiten.“ Wir wollen einfach mal nicht mehr hören, dass die Schule alle drei Jahre irgendwo irgendwie umstrukturiert werden soll. Wir lachen auch nicht mehr über Pläne, abgewickelte Telekom-Mitarbeiter als volle Lehrer einzustellen. Und dass in Baden-Württemberg ab nächstem Halbjahr Bundeswehroffiziere sicherheitsrelevante Teile der Referendarsaus-bildung übernehmen sollen, lässt uns grad noch eiskalt lächeln: Wahrscheinlich beginnt Erfurt inzwischen am Hindu-kusch. Mann oh Mann!
Welches Gesetz könnte der Schule der Gegenwart und nahen Zukunft wirklich gut tun? Gute Frage, einfache Antwort: Ein Ideenvielfaltsberuhigungsgesetz natürlich. Präambel: Ruhig Blut, Leute. Paragraph 1: Jedes Gesetz braucht die Chance sich mindestens zehn Jahre lang ohne Änderung zu bewähren. (Damit kannst du nicht eine verkürzte gymnasiale Oberstufe einführen und kurz danach Sekundarschulen erfinden, in denen G8- und umbenannte Hauptschüler gleiche Stundentafeln abarbeiten müssten. Paragraph 2: Eindeutig in Theorie und Praxis nachgewiesener Schrott wird sofort zurückgenommen. (Danach müssten sofort die Gundschul-Vorklassen wieder eingeführt werden. Über Jülsaph-Verhältnisse kann man noch reden, sofern wieder zwei Lehrkräfte pro Gruppe eingesetzt werden könnten. Über Bachelor-Master-Modulstudien-Idiotien im Lehramtsstudium gar nicht!).
Die Erde dreht sich nicht schneller als früher. Das Leben entwickelt sich nicht schneller als früher. Die Gedanken fahren auf keiner Autobahn durch die Synapsen. „Gut Ding will Weile haben“ ist kein Relikt aus grauer Vorzeit, sondern ein beachtenswertes, der Komplexität der zu bedenkenden Dinge entgegenkommendes Geschenk unserer Vorfahren: Lasst uns in Ruhe arbeiten, gebt den Kindern und Jugendlichen die Chance, etwas, das man Bildung nennen könnte, reifen zu lassen.
Die Sonntagsreden vom Wert der Bildung, der Künste, der sozialen Kompetenz u.v.m. brauchen dann auch die Sonntagsruhe, in der man sich z.B. auf öffentlichem Marktplatz in freundschaftlicher „Wir sitzen alle in einem Boot“-Manier gaaaanz ruhig mal darüber unterhält, was wem tatsächlich wichtig ist.





