Ja gut, oder? – Umbrüche im Musikbildungswesen
Amadeus Gegenklang

„Herr Beckenbauer, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Aufgabe. Sagen Sie bitte – überrascht war die Öffentlichkeit ja schon - was qualifiziert Sie zum neuen Musikbeauftragten beim Senator für Bildung?“ „Ja gut, äh, das sind so Erfahrungen, die man im Leben halt sammelt. Wie Sie sicher wissen, war da an manchen Stellen bisschen zu viel Stallgeruch, hähä, und Insiderwissen dabei.“ „Meinen Sie damit, dass Sie als quasi Fachfremder besonders gut geeignet für diese Aufgabe sind?“ „Ja gut, mit Fachfremden haben wir ja schon immer gearbeitet. Denken Sie nur an Odonkor. Der kann nicht Ball, aber schnell. Oder an die Ära Meyer-Vorfelder. Da waren fremde Fächer wie Stuttgart, Benz und Amselfelder immer an der Tagesordnung. Also wir können da schon Erfolge vorweisen.“
„Und wie stellen Sie sich jetzt Ihre Arbeit als Musikbeauftragter konkret vor?“ „Ja, äh, konkret, da wäre schon mal die konsequente Umsetzung der Heterogenität auf alle Feldbereiche. Jeder für keinen, einer für sich und das auch ganz ohne Ball, äh Instrument. Wir müssen die Räume eng machen und dafür die Wege weit. Ein LISUM in Ludwigsfelde ist da schon ein zukunftsweisender Ansatz. Aber auch an der einzelnen Schule kann man noch Räume schließen und den Ballast aus 60 Jahren Nachkriegsmusik entsorgen. Schauen Sie...“ „Sie meinen das Tanzen?“ „...ja, eben, die ganze Tanzerei und Trommelei hat uns Brasilien auch nicht näher gebracht. Wir müssen uns wieder auf unsere deutschen Tugenden besinnen.“ „Und die wären?“ „Ja gut, da wären der Kampf und der Biss und die Schlagkraft und das alles pünktlich, fleißig und konsequent.“ „Meinen Sie das im Ernst? Das soll die Musik in den Schulen weiter bringen?“ „Ach hören Sie, ein kleiner Scherz hat mir schon überall Türen geöffnet. Ich denke da mal ganz praktisch. Mit meinem Hubschrauber fliege ich an einem Tag acht Schulen an. Dann brauche ich für einen Scherz, zwei Kaviarhäppchen und ein Spreequell, dessen Logo Sie hier übrigens auf meiner Jacke sehen können, bei bald noch 800 Schulen in Berlin genau 100 Tage. Dann bin ich Meister.“ „Äääääh, Herr Beckenbauer, wodurch ist man vor Ihrer Berufung eigentlich auf Sie aufmerksam geworden?“ „Ja gut, da hat man wohl jemanden gesucht, der nicht nur nichts zu sagen hat, sondern es auch nicht ausdrücken kann, nicht wahr. Da ist dann genau im richtigen Moment mein genialer Satz durch die Medien gegangen. Ich zitiere ihn Ihnen gern noch mal: ‚Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.’ So etwas muss dem Senator hier dann wohl imponiert haben, denn er war zu dem Zeitpunkt noch bei der Lösung von des Rätsels Suche.“ „Tja, Herr Beckenbauer, fürchten Sie denn nicht hier unterbezahlt zu werden?“ „Nein wirklich, das nun gerade nicht. Ich mag vielleicht überqualifiziert sein und die Stelle hat ja in der Tat keine Besoldungszuweisung mehr, aber mein verdienter Lohn kommt schon durch die Nichteinstellung von Musiklehrern, die konsequente Fortbildungsschrumpfung durch lückenlose Internetisierung und den allmählichen Verkauf des nicht mehr benötigten Inventars wieder herein. Im Übrigen werde ich ja schon 2010 bei der Umlagerung der Afrika-WM nach Bayern wieder vor Ort gebraucht. Bis da hin wird’s schon langen.“ „Ja, dann viel Glück und weiterhin ein schönes Schweigen der staunenden Öffentlichkeit.“