Die tun nix – die wollen nur spielen
Amadeus Gegenklang (Heft II/00)

Drei Gruppen von Menschen bestimmten im Frühjahr 2000 die Nachrichtenlandschaft:
Zunächst ging es darum, dass 5000 Inder nach Deutschland "geholt" werden sollen (Wie holt man eigentlich Inder?), um den Fachkräftemangel im Softwarebereich zu beheben. Dann wurde bekannt, dass die Chinesen drei Viertel aller in Deutschland fahrenden Kinderwagen hergestellt haben. Und schließlich ging es um die Lehrer, denen Mehrarbeit unter schlechteren Bedingungen geradezu ein Bedürfnis zu sein habe, wenn sie dem Staat so dienen wollten, wie sie per Amtseid versprochen haben.
Mehrere Dinge lehrt uns diese schicksalshafte Verknüpfung im globalen Dorf: Die Inder sind klug, die Chinesen sind viele, die Lehrer sind undankbar. Immerhin haben Letztere in ihrem Halbtagsjob und in nicht enden wollenden Ferien dauerhaft Gelegenheit, im bunten Inder-Net ihren ausgleichenden Vergnügungen nachzugehen und könnten anschließend dem Schülerschwund durch exzessiven Kauf chinesischer Kinderwagen begegnen. Die sechs Jahre später anfallende Mehrarbeit könnte dann wiederum von der runderneuerten deutschen Softwaregeleistet werden. Die Pädagogik für stressige Kinder gibt's heute schon in jedem
indischen Restaurant zu kaufen: Lassi (süß oder salzig is ja egal)
Der erfolglose chinesische Familienminister, Fer - Hü - Tung, hat die Möglichkeiten einer neuen VöIkerwanderung beschrieben. Wenn die Inder nach Deutschland gehen, können die überzähligen Chinesen nach Indien gehen, wo das Programm CidS (Chinesen in die Software) online mit der deutschen Cids-Aktion verbunden ist, um virtuelle Transfers deutscher Kinderwagenaktien in China als Videospiel einzuführen: ein starker Gegner für die japanische Pokémon-Industrie und eine neue Ost-West-Achse im 3. Jahrtausend.
Was das mit Musikunterricht zu tun hat? Gegenfrage: Hat überhaupt zur Zeit irgendetwas mit Musikunterricht zu tun? Wenn Lehrer nicht nur undankbar, sondern auch faul sind, dann sind doch Musiklehrer oberfaul: Sie haben keine Korrekturen, ruhen sich auf ihrer Doktrin der Überalterung aus und sind auch noch stolz darauf, dass es stimmt: Ihnen fällt nichts mehr ein und sie warten auf die Jungen – die nicht kommen (dürfen) ((wollen)). Die angebliche Überlastung von Musiklehrern, die nach ihrer eigenen Diktion Musik nicht arbeiten, sondern vor allem spielen, klingt für Politiker chinesisch und kann wahrscheinlich nur von einem Inder dekodiert werden.
Böger, dieser Gigant der Virtualität (Mein Landesschulrat Pokall spricht jetzt gerade mit allen Schulen. " Ja mei, wie macht der das?“), der ein Arbeitszeitkonto für eine private Pfandleihe mit Verfallszinsen hält, hat wohl seinen Senatsschliff bei SAT 1 (Senatoren-Augenwischer-Training) bekommen. In dem gleichnamigen Fernsehsender gibt es jetzt eine 10-Millionen-Mark-Show mit Kai - nomen est omen - Pflaume. Die ist ganz clever organisiert: Bis zu einer Million Gewinn hat der Sender das Geld flüssig. Sollte tatsächlich einer die 10 Mio gewinnen, wird das über eine "Gewinnfallversicherung" abgewickelt. (Die Produktionsfirma rechnet aber eigentlich nicht damit.)
So also macht das die Politik: Wir versprechen Bildung für alle, verschlechtern gleichzeitig sämtliche Bildungsstandards, und sollte dann irgendeine Branche global Gewinn versprechend sein, dann halten wir irgendein Land (z.B. Indien) für unsere Gewinnfallversicherung. Und sollten die vermehrungsfreudigen Inder plötzlich aus heiterem Himmel Kinder bekommen, dann haben wir nicht nur eine bankrotte Kinderwagenindustrie, sondern auch China als Gewinnfallversicherung.
Und sollten diese Kinder dann eventuell ein musikalisches Bedürfnis haben - der Inder, vor allem der, der 100.000,- DM Einkommen nachweisen muss, um überhaupt kommen zu dürfen, ist ja doch ziemlich kulturell -, dann haben wir eine eigene Gewinnfallversicherung:
Viele Stunden Mehrarbeit vom Arbeitszeitkonto, dem Konto, auf dem die Arbeitszeit liegt.
Diese Art von Glückspiel ist also unsere Politik geworden. Was früher die Dienstherrchen über ihre letzten Hunde sagten, darf man nun wohl langsam zurückgeben:
Die tun nix.
Die wollen nur spielen.