Fortbildung Politikersprache

Amadeus Gegenklang (Heft I/02)


Kommen Sie in unseren Kurs Politikersprache. Sie brauchen ihn aus drei Gründen:
    1. Zum Verstehen. Wenn Politiker sagen, sie wollen den Personennahverkehr verbessern, meinen sie, es sollen weniger Fahrzeuge zu teureren Preisen eingesetzt werden. Weniger Fahrzeuge verstopfen nicht die Busspuren. Teurere Preise sorgen für mehr Sitzplätze, weil mehr Leute wieder Auto fahren. Das muss man verstehen lernen.
    2. Zum Sprechen. Wenn Sie den Eltern Ihrer Schule erklären wollen, warum der Chor abgeschafft wird, dürfen Sie nicht einfach sagen, dass fakultativer Unterricht und Lernen in Interessengemeinschaften aus Geldgründen gestrichen werden. Sie müssen sagen, dass das schulische Angebot effektiviert wird, will sagen: Die Singerei hat sowieso alle genervt, die Kolleginnen waren schon neidisch wegen der Bestätigungsheischerei auf Schulkonzerten und die Kinder hatten weniger Zeit für Matheaufgaben. Effektivierung ist Verbesserung, denn wir wenden uns nun den wichtigeren Dingen zu.
    3. Zum Überleben. Wer im Wirrwarr der Begriffsverdrehungen nicht wahnsinnig werden will, muss die Politikersprache beherrschen. Es darf einfach nicht die Erwartung aufkommen, dass „nicht an der Bildung sparen“ bedeutet, nicht an der Bildung zu sparen. „Nicht an der Bildung sparen“ heißt, die Bildung nicht von Kürzungen auszusparen. Eine Million aus der Bildung nehmen, heißt „kreative Optimierungspotenziale freisetzen“. Lehrermehrarbeit heißt „Erfahrung effektiver bündeln“. Klassen vergrößern nennt man „ Binnendifferenzierungskorridore verstärken“. Alles wird gut!


Politikersprache kann man überall lernen. Allein das Wort „Sportunterricht“ ist im Mund von Hochschullehrern schon Politikersprache (= „bisschen Fußball spielen, was ja wohl keine Vorbereitung braucht“ – und darum mit mehr Wochenstunden unterrichtet werden kann.).
Der Volksmund kennt den „Musikunterricht“ aus eigener leidvoller Erfahrung (= „bisschen singen und dann Kindern klar machen, dass sie’s wohl nie lernen“). Ja mei, wenn’s das heute noch ist, dann bracuht man’s wirklich nicht mehr.
Ganz besonders freuen können wir uns auf die kommenden Leistungszulagen für Lehrer. Wenn eine Qualitätsprüfung bedeutet, die Quantität der korrigierten Tests zu beurteilen, wird der Wähler auf die Idee kommen, die Quantität des Reformgeschwafels sei identisch mit der Qualität eines Misstrauensvotums. Gustav Mahler ist für manche doch nur deswegen besser als Robbie Williams, weil er in derselben Zeitspanne mehr Noten unterbringt. Für manche ist dagegen Robbie Williams besser als Gustav Mahler, weil er in derselben Zeitspanne mehr verschiedene Stücke spielen kann. Wen interessiert das aber?
Wenn uns schon die verbindlichen Werte und Kriterien ausgehen, dann wäre es doch immer noch schön, mit wachen Sinnen Dummheit und Kurzsichtigkeit als solche zu erkennen und entweder laut zu sagen, dass engagierter Musikunterricht in der Schule unverzichtbar ist – aber auch Zeit und Kraft kostet – oder dass wir als Beitrag zur Lärmbekämpfung in der Schule bei gleichzeitiger Ruhigstellung der hypermotorischen Jungen als Optimierung des Schulhaushalts Entwicklungshilfe leisten, indem wir unsere Ausstattung nach Pakistan verkaufen und mit dem zusätzlichen Einspareffekt von tausenden von Lehrerwochenstunden das Fach Musik freudig und innovativ für immer entsorgen – jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, zu dem es ein Genie des 3. Jahrtausends dereinst neu erfindet.