Vier Dementis und ein Todesfall
Amadeus Gegenklang (Heft I /04)

Ruft neulich das Frühstücksfernsehen an. Ob es stimme, dass Dieter Bohlens Superstarsuche dem schon am Boden liegenden deutschen Schulgesang neue Impulse verliehen hätte: Popsongs singen als neuer Wert, Küblböck als Persönlichkeit, Star werden als Lebensziel, kurz: Sei nicht eben die Musikpädagogik vor dem Untergang gerettet worden?
AfS in die Bütt!
Stimmt nicht, das heißt, der Anruf war echt, aber die Idee Banane. „We Have A Dream“ schallte schon mal durch den einen oder anderen Musikraum. Ansonsten erleben wir vor allem, wie die Medien sich selber hoch- und die Schule herunterspielen. Gesungen wird trotz kleiner Feldbuschfeuer durchaus noch Unterschiedliches mit unterschiedlichen Qualitäten.
Stand neulich zum 211. Mal in der Zeitung, dass Professor Bastian herausgefunden habe, dass Musik Kinder intelligenter mache.
Stimmt auch beim 211. Mal nicht. Er hatte herausgefunden, dass erweiterter Musikunterricht aufmerksamer, konzentrationsfähiger und damit lernfähiger mache. Das wiederum darf so nicht gesagt werden, obwohl es stimmt. Und die Konsequenzen daraus kosten Geld. Blöd, wenn man es nicht hat, weil man den Staat und seine Finanzen anders als für die Kinder organisiert hat.
Ging neulich die Kunde umher, dass die KMK Vergleichsarbeiten entwickelt, um die Bildung zu verbessern.
Stimmt nicht, das heißt, die Entwicklung selber ist schon im Gange, aber die Bildung wird dadurch nicht toller. Wer Lernbedingungen verbessert, Lernchancen in allen Schuljahrgängen offen hält, Personal und Fortbildung stärkt, der tut etwas für die Bildung, der Tester nicht . Oder haben Sie schon mal eine Suppe ein zweites Mal abgeschmeckt, ohne sie weiter zu würzen? Schmeckt zumindest genauso wie beim ersten Mal, nur bisschen mehr durchgezogen, na gut.
Kam neulich die Nachricht, im neuen vorbildlichen Hamburger Arbeitszeitmodell werde ein Korrekturfach im Vergleich zu künstlerischen Fächern wie z.B. Musik mit bis zu doppeltem Zeitfaktor berechnet.
Stimmt nicht, das heißt, die Berechnung geht schon in diese Richtung, aber wer Musik in der Schule als wenig zeitaufwändig und nicht belastend einschätzt, hat das Fach nie unterrichtet. „Das bisschen Singen, das wir früher hatten...“ Ja, mein Gott, wo leben Sie denn, Herr Regierungsrat? Und wir freuen uns schon sehr darauf, dass alle nur noch die „echten“ Lernfächer unterrichten wollen, die Bonusfresser. Man kann ein Fach und seine Ansprüche auf vielen Wegen einstampfen.
Z.B. kam neulich ein Brief aus Baden-Württemberg: Musik in der Grundschule werde abgeschafft und in einen Lernbereich „Mensch, Natur, Kultur“ unter der Führung von Heimat- und Sachkunde eingegliedert, quasi eine vorfachliche Melange aus Erdkunde, Biologie, Geschichte, Kunst und Musik.Kann nicht stimmen, denkt sich jeder ehemals gebildete Mensch. Stimmt aber leider. Der erste Todesfall, den wir in der Musikpädagogik nach 83 Jahren Musikunterricht in Deutschland zu beklagen haben.
Da gibt es nun statt Fünfgangmenü mit Suppe, Antipasto, Primo, Secondo und Dessert einen irgendwie angerichteten Einheitsbrei, der süß-sauer-bitter-salzig daherkommt und von Köchen gemixt wird, die kaum die Hälfte von dem gelernt haben, was daran lehr- und lernbar wäre. Wer seinen Kindern dann doch lieber echtes Essen gönnt, schickt sie an die Privatschule.
Der Rest wird durch Bohlen motiviert, durch Bastian schlau gemacht, alle vier Monate ordentlich getestet und von alten Lehrern unterrichtet, die ihre 28 Nichtsprachstunden in 35 Unterrichtsstunden unterbringen müssen. Es sei denn, der „Mensch-Natur-Kultur“-Lehrer bekommt einen Faktor zwei und hat dann neben seinen 14 Pflichtstunden genug Zeit, alle sich aufblähende Dummheit mit tiefer Bauchatmung zwischen Fortbildung und Konzertvorbereitung wegzuatmen.