Ein Land der Ideen
Amadeus Gegenklang (Heft II/04)
Heißa, das war eine Idee. Ein frischer Präsident mit frischem Wind der großen weiten Welt im Nacken formuliert seinen Herzenswunsch: Deutschland soll ein Land der Ideen werden. Beinahe hätten wir gar nicht gemerkt, dass wir keine hatten. Es reicht eben nicht, als der Unverkrampfte einen Ruck zu fordern oder als der moralisch Unverbogene mit großer, gleichwohl aufrichtiger Geste Musik für Kinder, Kunst für Kinder, Bildung für Kinder auf die Medientapeten zu malen. Man muss der Unverbrauchte sein, um auf die Idee zu kommen, dass wir Ideen haben sollten.
Jetzt wo wir das wissen, können wir endlich wieder anfangen Ideen zu haben. Bei uns ist es schon losgegangen: Wir zersägen die Instrumente, die nun doch nicht mehr repariert werden können und kleben die Späne nach eigenen Entwürfen auf die Wände, die nun doch nicht renoviert werden. Wir haben Besen und Staubsauger gekauft und tanzen am Ende jeden Schultages den Besentanz durchs Schulhaus, das nun doch nicht mehr gereinigt wird. Wir schreiben in den Musikstunden der vierten Klasse unser Lied mit dem Griffel auf Tafeln, die dann in der dritten Klasse abgelesen werden, da die Liederbücher nun doch nicht gekauft werden. Bei uns ist das Jammern auf hohem Niveau vorbei: Wir glucksen fröhlich in der Talsohle des Niedergangs.
Man muss das Land der Ideen sich vorstellen als ein System von goldenen Türmen, um die die Hofnarren herumschleichen und freche Lieder singen. Dazwischen ein aufgewecktes Volk, das nach verlustreichen Versuchen, mit Aktien und Fondsanteilen „reicher Mann“ zu spielen, und nach ausgebremsten trickreichen Tauschgemeinschaften von kulturellem Allgemeingut im Cyberspace begriffen hat, dass Geld und Gut, Kultur und Werte weit weg von ihm ihre zukünftigen Stammplätze haben.
Unsere Kinder werden es uns nachsehen: Wir werden bald schon mitgelogen haben: Mehr für die Bildung! Wir glauben es fast selber, wenn wir irgendwann die Ideenscheffel reich gefüllt haben mit Programmatik und Profil, Standards und Stoffverteilung, Kompetenzentwicklung und Evaluation usw. usw. . Unsere Ideenvielfalt im materiellen Niedergang wird uns noch blind machen für ein mal eben an die Hand zu nehmendes Kind. Und das hätte dann noch mehr als alle Bildung vielleicht nur nötig, dass der Apfel, den es geklaut hat, wenigstens auch schmecken kann: ästhetisches Empfinden, Genuss in Muße und ein bisschen gemeinsames Nachdenken über die Welt.





