Sag zum Maulkorb nicht Maulkorb
Amadeus Gegenklang (Heft II/05)
Na gut, jetzt sind wir also so weit. Unser oberster Dienstherr „erinnert uns an die Spielregeln“, nein, nicht die der Demokratie! Er meint die Spielregeln des Meinungsäußerungsverbots, das man eben wegen dieser Spielregeln nicht so nennen darf. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach.
Sind bei dir in der Schule die Toiletten marode, dann sollst du das nicht sagen, sondern auf die Pressestelle des Senats verweisen. Die kommt dann probesitzen und stellt fest, dass da nichts marode war. (Den Ostflügel bekommt sie dann einfach nicht gezeigt und gut is.)
Neulich wollte ein Kollege in einer Feierstunde das Ende der musikbetonten Schulen öffentlich machen. Durfte er nicht. Ging dann zur Pressestelle, die sofort alle Musik in der Schule auf Betonungen untersuchte und natürlich feststellen konnte: Alle Betonungen noch da. Kollege übertreibt.
Die Spielregel hat ja auch ihr Gutes: Man sagt nicht nur so daher, dass zum Beispiel das Fach Musik systematisch ausgedörrt wird, und muss sich anschließend mit Disziplinarverfahren herumschlagen. Statt dessen bildet man sich doch besser am Computer fort und überlässt den Tod des Faches denen, die es systematisch ausdörren. Die jedenfalls sagen das dann nicht so daher und darum ist dann auch keiner traurig oder?
Was man also jetzt und in Zukunft laut Spielregel besser nicht sagen sollte (natürlich nur eine kleine Beispielauswahl): dass die vielen neuen Ganztagsschulen in Wahrheit Halbtagsschulen mit kostenpflichtiger Nachmittagsverwahrung und Unterbringungsproblemen sind (ganz schlimm!); dass die Abwicklung der Erziehungswissenschaft an der UdK die Musiklehrerausbildung in Berlin quasi beendet (böse, böse!); dass Poolstundenbildung in der Sek I die Abiturrelevanz des Faches Musik und anderer abschießt (nee, so was!); dass die chaotische Gegensätzlichkeit von modernem individualisierendem Unterricht und allgemeinen Vergleichstests mit Bildungsplanung so viel zu tun haben wie Chips und Cola mit gesundem Frühstück (vergiss es!); oder dass die Online-Server-Abwicklung aller LISUM-Angebote, die noch existieren, auf einem wackligen Server versteckt werden, damit eine Institution sich in den Cyberspace wegsparen kann. Das sagst du besser schon mal gar nicht. Allein weil es stimmt, kommt die Abmahnung mit großem Getöse.
Du kriegst einfach nur Ärger, du erreichst nichts, schon gar nicht die desinformierte Presse und Öffentlichkeit. Kinder brauchen z.B. Musik. Das weiß ja jeder. Schüler kriegen sie immer weniger. Das will aber keiner wissen. Kinder sind Schüler. Ja, also das, ob man das so einfach sagen darf, da solltest du eventuell erst mal die Pressestelle fragen.





