Vom Bildungsauftrag der Sonne (Heft I/07)
Amadeus Gegenklang
Besonnenheit ist eine Gabe. Wer zur Besinnung kommt, der hatte vorher womöglich seine Sinne nicht ganz beieinander, aber wer besonnen ist, der besinnt sich auf die Qualität der Langsamkeit. Nichts überstürzen, nichts anbrennen lassen, keine übertriebene Eile aufkommen lassen. Wer besonnen ist, ist ein Sonnenkind, sonst wäre er vielleicht bemondet oder besternt, irgendwie jedenfalls umnachtet. Je betagter, desto besonnener und nur in starken Turbulenzen umwölkt.
So, jetzt müsste das Bild langsam ausgewalzt sein, platt und fertig. Und so platt und fertig wie eine ausgeweidete Metapher fühlt man sich manchmal, wenn man, das letzte Quäntchen Arbeitskraft herausgequetscht, spätabends zur Besinnung kommt, falls man dazu kommt, und dann erfährt, dass es einen neuen Senator gibt, der sehr besonnen auf die äußerst schwierige Materie Schule in Berlin reagiert.
Es ist die große Chance gekommen, mal wieder die Schulen und die Universitäten in einer gemeinsamen Regierungsetage zu entdecken. Ganz unterschiedliche Mangelverwaltungen erfreuen sich ungeahnter Nähe. Und die vielen mit dem Bade ausgeschütteten Kinder plantschen nun fröhlich miteinander auf der Rutsch -bahn der Bildung.
Die Schulen hangeln sich höchst autonom durch die Schulaufsichtsauflagen, schreiben stellenscharf ihren Vertretungsausfall ab und evaluieren ihre Evaluierungsarbeit.
Die Fortbildungsinstitutionen haben rechtzeitig ihren Fortbildungsballast abgeworfen, um sich der Qualitätssicherung der reinen Qualität von Qualität zu widmen. Und die Wissenschaftler und Künstler haben ihre Bachelor- und Mastersegnungen in feine Module verpackt, in welchen für Pädagogik, Lehre, Lernforschung nun wirklich kein Platz mehr ist.
Die Arbeitsteilung ist in der Menschheitsentwicklung nunmehr so weit fortgeschritten, dass tatsächlich niemand mehr eine persönliche Verantwortung übernehmen muss, will, kann, darf. Verantwortungsteilung ist schön für den Einzelnen, der mit einer Schuldzuweisung für Bildungserosionen im großen Stil überfordert wäre. Sie ist verheerend für jemanden, der Verantwortung neu übernehmen muss, will, kann, darf.
In einer solchen Situation, wo zwischen der Vision des digitalen Sonnenaufgangs einer hoch vernetzten Lernwelt und der schon lange beschworenen Apokalypse eines untergehenden Abendlandes die permanente Überforderung des Bildungsarbeitsvolks in teure Burn-Out-Syndrom-Behandlungen mündet, kann man sich und jedem Anderen nur ein Höchstmaß an Besonnenheit wünschen. “Teile und herrsche”, sagten schon die klugen alten Römer. “Bete und arbeite “, sagten die Frommen. “Besinne dich und tu erst mal nichts”, sagt das müde Herz zum durchgeknallten Gehirn. Suche die Musen und lebe die Muße. Bist du darin ein Vorbild, dann erreichst du womöglich auch noch Andere, die ihre Besinnung fast schon verloren haben.





