Einbildung ist auch ‘ne Bildung (Heft II/07)
Amadeus Gegenklang

Gesundheitsreform ist, wenn am Ende jeder erkannt hat, dass er für die Folgen seiner Genussmittel, seiner unangemessenen Kleidung, seiner Doofheit usw. selber einstehen muss. Ernährungsschäden, Erkältungen und Erkenntnisse sind eben teuer und ihre krankhaften Auswüchse wie Diabetes, Lungenentzündungen und Depressionen sind unverzüglich in die Eigenverantwortung zu überführen.
So einfach ist es im Prinzip auch mit der Bildungsreform. Bildungsreform ist, wenn am Ende jeder weiß, wo er hin gehört und wie viel er für diesen Platz bezahlen muss. Tagesspiegel O-Ton: Mehr Bildungsgerechtigkeit durch Eigenverantwortung. Das sind zwei schöne Wortungetüme. Wer dann tatsächlich erklären kann, wer Gerechtigkeit in der Bildung auf welche Weise denn verantwortet, darf sich schon mal bei Wetten dass... anmelden: Ich erkenne unter 100 Maßnahmen, alle 3, die die Bildung fördern und verstehe, wer sie verantwortet. Und für den Jackpot erkläre ich auch noch, was daran gerecht ist.
Unmöglich, oder? Hätten Sie gewusst, dass dieselben Politiker, die beim Festakt am Sonntag die Wichtigkeit der Musik in den Schulen betonen, am Montag darauf die Unterrichtsstunden für Musik kürzen? Könnten Sie sich vorstellen, dass Hochschulprofessoren, die sich professionell um das Lernen kümmern sollen, das Lehren und Lernen des Lernens ächten und Fachbereiche schließen, die den Lehrernachwuchs ausbilden sollten? Stattdessen nur Könner zu noch besserem Können treiben, damit das Hochschul-Ranking international bestehen kann?
Natürlich, es gibt gut Meinende überall, in Politik, Gesellschaft, Institutionen. Im Wesentlichen teilen diese sich in zwei Gruppen: Die Einen denken, alles sei so, wie es schon immer war – und müsse verändert werden. Die Anderen denken, alles habe sich im Zuge der Globalisierung völlig verändert – und müsse angepasst werden. (Die Dritten bis Fünften gibt es auch, aber die haben nichts zu sagen.)
Gemeinsam haben beide Gruppen gut Meinender, dass sie keine Chance haben, das Ganze zu sehen. Keiner hat diese Chance, dazu ist „das Ganze“ zu komplex. Nehmen wir – an diesem Ort nicht ganz zufällig – mal die Musikpädagogik. Gibt es schon lange nicht mehr. Hat sich aufgelöst in viele Musikpädagogiken. Löst sich dort weiter auf. Tendenz: Auflösung. Gründe? Findet jeder in seinem Kopf, dem gebildeten. Oder sollte es harte Fakten geben?
Weiß denn ein Bildungspolitiker, dass die Verwaltung die Fortbildungen erst abschafft, dann neu erfindet, Institute abwickelt, fusioniert, versteckt, Neuanfänger am Samstag in die Pampa zur Metafortbildung einlädt, wenn kein Bus den Ort erreicht, Fahrgemeinschaften anmahnt, aber aus Gründen des Datenschutzes keine Adressenlisten herumgibt? Ein Grund für Auflösung? Nein, nur ein Bausteinchen zum schleichenden Wahnsinn.
Weiß denn ein Bildungspolitiker, dass das Hamburger Arbeitszeitmodell – Effekt: drei Stunden mehr für die, die Musik, Kunst, Sport unterrichten - , ein Modell, das die neueste Kommission in Berlin nun auch für Berlin vorschlägt, den Exodus aus dem Fach forciert? Guter Musikunterricht ist auf Dauer anstrengend für Ohren und Nerven, kostet weniger Korrekturzeiten, dafür mehr Vorbereitungszeit für (im Einstundenfach noch mehr als im Zwei- oder gar Fünfstundenfach) zu viele Lernende. Drei Stunden mehr sind zwei, drei Klassen mehr, sind bis zu 60 Menschen mehr, die unterrichtet und bewertet – ich würde lieber sagen: gewürdigt – werden sollen.
Weiß denn ein Bildungspolitiker, dass es das Fach Musik, wie es mal war, nicht mehr gibt? Ausbildung und Einstellung sind reduziert, Fortbildung - upps, wo isse? – soll demnächst in regionalem Gewande auferstehen. Hier müht sich ein Fachfremder ab, dort prüft ein Fachnaher wie in den 50er Jahren, hier kämpft sich eine Fachfremde erfolgreich durch neue Unterrichtsmedien, dort verkauft eine Fachkraft die Instrumente der Schule, weil Musik „nicht mehr ins Profil passt“. Hier entsteht unter großem Medienecho eine tolle Band, die zeigt, dass nicht alles Käse ist, was Rütli schwört. Dort geht ein ganzer Fachbereich baden, weil nach der Pensionierung des Musiklehrers ein Sportlehrer – nichts gegen Sportlehrer! – eingestellt wurde.
Ein Bildungsplan, der den Namen Bildungsplan verdient, muss ganz sicher auf viele Eigenaktivitäten setzen. Nur im Feld selber kann der Bauer säen und, wenn er Glück hat, ernten. Aber wer sich einbildet, Bildung entstehe allein durch das Hochhalten eines Banners, wo Bildung drauf steht, der hat Wahrnehmungsstörungen. Es geht nicht nur um Geld und Verwaltungsakte. Es geht inzwischen um das Wegbrechen aller Zulieferinstitutionen für – nur zum Beispiel – das Fach Musik. Fachunterricht weniger = Unterrichtsmittel teurer = Firmen und Verlage im Konkurs und und und.
Eigentlich geht es aber um Grundsätzlicheres: Es geht um den Verlust des Einverständnisses über ein Menschenbild, das beinhaltete: Jeder kann sich sprachlich, körperlich, künstlerisch ausdrücken und austauschen. In der Schule bekommt er dafür Gelegenheiten, Anreize und Vorbilder, Glo hin, Balisierung her. (Auch die lässt sich womöglich begreifen.) Wer aber kurzfristige, kostenarme und alle Beteiligten überfordernde Einseitigkeiten fördert, bildet sich vielleicht ein, moderne Bildung zu inszenieren, hat aber das Netz, das eine gebildete Gesellschaft darstellen könnte, längst nachhaltig geschädigt.