86,5 % in der Gartenlaube (Heft I/08)

Amadeus Gegenklang

Es ist ein Segen: Endlich ist die Personaldecke zu 100 % an allen Schulen fertig. Das dumme Sportreportergerede („Heute konnte er 150 % seiner Leistungsfähigkeit abrufen.“), das jeder mathematisch gebildete Mensch mit einem einfachen „Ha ha!“ quittieren würde, konnte sich in der Schulverwaltung nicht durchsetzen.

Beinahe hätte die Personaldecke 106 % betragen, so log es der alte Schulsenator vor und schrieb es direkt in den Tagesspiegel, der das ein paar Wochen lang eifrig weiter spiegelte. Die Gewerkschaft wollte sie sogar auf 110 % strecken (stricken?), also z. B. ein 1 m
2 großes Tuch mit einem 10 cm2 großem Flicken ergänzen, den man dann in Streifen aufbügeln kann, wenn mal ein Loch in die Decke gebrannt (Burnout), gerissen (Virusepidemie), gerupft (Dauerstress) oder kurzzeitig ausgefädelt (Klassenfahrten, Ausflüge, Fortbildungen) wurde.

Nun hat die Decke also 100 %, jedenfalls flächendeckend gesehen, wobei man die Flächen, die sie deckt, nicht überall sehen kann. In Wirklichkeit geht es eben nicht um eine Stoffdecke, sondern um eine Personaldecke. Personal hat andere Eigenschaften als Stoff. Personal besteht aus beweglichen Teilen, die einsetz- und umsetzbar sind. Diese Teile – in ihrer Freizeit: Menschen – sind freiwillig und verpflichtend, fachgerecht und fachfremd, tariflich und dienstvorschriftsmäßig so unterschiedlich in die Personaldecke einsetzbar, dass man der Decke oft gar nicht ansieht, ob sie gerade vollständig ist (jeder nach seinen Fähigkeiten und mit angemessener Belastung wie auch Besoldung) oder ob sie im Prinzip gerade sehr löchrig, aber „kollegial“ aufgefüllt wird (jeder auf dem letzten Loch mit freiwilliger Mehrarbeit im unbekannten Fachgebiet und Springerbereitschaft zur Nachbarschule).

Was kann man mit einer Decke wirklich anfangen, die an manchen Stellen die 100 % kaum noch vorgaukeln kann? An vielen Schulen ist es jetzt schon kälter geworden. Zwar haben sie kürzlich eine „Laube“ bekommen, aber gemütlich ist die noch nicht und wird sie mit der dünnen Decke auch nicht. Die „LernAusgangslagenUntersuchung BErlin“ ist eine so schöne Idee wie die euphemistische Abkürzung ihres Titels: LAUBE. Man könnte sie auch GARTENLAUBE nennen: Die Ganz Außergewöhnliche, Richtig Tolle, Einfach Notwendige LernAusgangslagenUntersuchung BErlin.

www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/schulqualitaet/lernausgangsuntersuchungen/ laube_info.pdf beschreibt alles, was man für die Gartenlaube wissen muss. Kurz zusammen gefasst: Es ist gut zu wissen, was jemand weiß und kann um zu entscheiden, was und wie er lernen sollte. Die Idee, für jedes einzelne Kind, die Lernausgangslage detailliert zu ermitteln und aufzuschreiben, sowie die daraus resultierenden Lernschritte in einer Lerndokumentation weiterhin zu dokumentieren, ist schon toll. (Toll hieß in der früheren Wortbedeutung: irr.) Sie ist ja so richtig und gut wie alt. Sie schärft womöglich den professionellen Blick. Aber wer leistet das, was LAUBE fordert?

Wer bereits in seiner „normalen“ Arbeitszeit das „Eigentliche“ seines Berufs reduziert sieht, wird jetzt einiges mehr oder anders zu tun haben. Ich sehe schon die Gartenlauben voller Kolleginnen und Kollegen sitzen, die löchrige Personaldecke über den Knien, den Stapel von Lernentwicklungsdokumentationen vor, hinter, neben, über, unter sich, dazwischen eine Tasse Tee und ab und zu bedächtig den Kopf hebend und dem fernen Klang lauschend, der zum Unterrichten ruft: „Hallo, ich bin deine Fee, ich bin dein Ethos. Deine Laube verführt dich. Sie wird zur IRRGLAUBE, die Immer Rasanter Regulierend Genormte Lern... Verlier’ nicht den Blick, meine Liebe, für die, denen du etwas zu geben hast. Verlass’ dich nicht auf deine Decke, sondern entwickle deine Wärme in deinem Tempo. Bleib’ Lehrerin, bevor du immer leerer wirst.“

Upps, war das jetzt was gegen die Feststellung von Realitäten? Nein, es war etwas für die Bereitstellung von Ressourcen. Mehr Menschen für die Lauben, mehr Decke für alle.